NAMEN:
Deutsch: Alpendohle
Dialekt: Bärgdohle, Flüechräie, Chächlie
Lateinisch: Pyrrhocorax graculus
Englisch: Alpine chough
Français: Chocard à bec jaune
Italiano: Grachio alpino
Romantsch: Curnagl
DIE FORSCHUNG
Über 30 Jahre lang hat Dr. HP. Büchel auf Pilatus Kulm das Sozialverhalten der Alpendohlen erforscht. Dabei hat er um die 700 Vögel zum Teil mehrmals gefangen, gewogen und gemessen und sie so farbberingt, dass sie aus kurzer Distanz individuell erkennbar waren. Alle erkennbaren Verhaltensweisen, alle optischen und akustischen Kommunikationssignale wurden beschrieben und in Fotos, Videos und Sonagrammen festgehalten.
DAS BUCH
"Schwarze Vögel am Pilatus" bringt auf 70 Seiten mit über 40 Farbfotos, 7 Skizzen und 4 Grafiken die Ergebnisse dieser dreissigjährigen Forschung am Pilatus zur Darstellung. In 16 abwechslungsreichen Kapiteln ist der Leser hautnah dabei beim Abenteuer "Feldforschung auf 2'000 Metern über Meer".
ALPENDOHLEN
Mit Hähern, Elstern, Krähen, Kolkraben und Turmdohlen gehören Alpendohlen zur intelligenten Familie der Rabenvögel (Corviden). Diese grössten einheimischen Singvögel (!) sind alle ökologisch wertvolle Allesfresser und Samenverbreiter. Sie regulieren ihre Bestände innerartlich perfekt, ohne dass wir Menschen uns einmischen müssen. Die Alpendohle ist ein typischer Gebirgsvogel der alpinen Stufe. Sie brütet in der Schweiz vom Moléson bis in den Alpstein (höchster Brutplatz im Wallis auf 3'820 m ü.M.), in Marokko im Hohen und im Mittleren Atlas, aber auch in den Pyrenäen, den Bayrischen und Österreichischen Alpen, im Apennin und weiter östlich vom Kaukasus bis zum Mount Everest.
Die untersuchte Kolonie umfasst heute rund 250 Vögel. Diese übernachten und nisten in den Felswänden der Pilatuskette, von Kulm bis zum Mittaggüpfli, am Matthorn und am Rägeflüeli. Hauptfutterplätze sind die Alpweiden westlich und südlich der Kolonie. Im Winter erfolgt eine Kulturfolge nach Schwarzenberg und Malters. Bei den morgendlichen Talflügen erreichen die gewandten Flieger und hervorragenden Segler eine mittlere Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde!
Der zierliche Vogel mit seinem amselähnlichen gelben Schnabel und den korallenoten Beinen ist bei Bergbauern und Alpinisten wohlbekannt und populär, vor allem natürlich als ständig präsenter Mitesser bei Znüni- und Picknickpausen. Bis zu den Forschungsarbeiten auf dem Pilatus blieb aber das Sozial- und Paarverhalten der Art praktisch unbekannt.
ZUSAMMENFASSUNG EINIGER FORSCHUNGSERGEBNISSE
Die mittlere Lebenserwartung von Alpendohlen beträgt 5 - 6 Jahre. Immerhin war im Herbst 1996 eine mindestens 24-jährige Dohle noch am Leben, weitere 5 Dohlen wurden über 20 Jahre alt. Die Zahl flügger Alpendohlen variierte in 22 Zähljahren zwischen 4 und 26, das Mittel betrug 14.1 Jungvögel pro Saison. Diese tiefe Rate hängt zusammen mit dem oft schwachen Futterangebot im Juni: Die manchmal auftretende "Schafkälte" lässt die als Eiweissnahrung so wichtigen Insekten und ihre Larven auf dieser Höhe dann rar werden. Fernfunde von 24 auf Kulm beringten Jungvögeln bewiesen Flüge bis ins Unterengadin. Vermutlich dienen solche Wanderungen junger Dohlen dem Gen-Austausch und der Bestandesregulierung innerhalb der Kolonien.
Die Beobachtungen ergaben eine Fülle von zum Teil recht komplexen Verhaltensweisen, die nur im sozialen Kontext einen Sinn ergaben. Mit gezielter Fütterung auf einen zentralen Punkt hin konnte eine klare Rangordnung am Futter nachgewiesen werden. Verpaarte Männchen nehmen darin Spitzenränge ein, Jungvögel und Weibchen die niedrigsten. Jede Verpaarung lässt die Männchen - nicht aber die Weibchen - in der Hierarchie aufsteigen. Ein einfaches Experiment an einem Spitzenvogel (Umfärben der roten Beine und des gelben Schnabels auf die dunkleren Farben eines Jungvogels) bewirkte einen Ranglistensturz, der erst nach der Rückkehr der "Erwachsenenfarbe" wieder korrigiert wurde. Offenbar beeinflusst das Verschwinden des Jugendkleides die Ranghöhe. Systematische Stichproben zeigten, dass hoch ritualisierte und damit ungefährliche Aggressionen viel häufiger vorkommen als die Verhaltensweise mit einem gewissen Verletzungsrisiko wie Hahnenkämpfe oder längere Luftkämpfe. Der unerbittliche "Kampf auf Leben und Tod" ist nur äusserst selten zu beobachten. Er versetzt die ganze Kolonie in eine lang dauernde Riesenaufregung.
Verpaarte Alpendohlen verfügen zur Kommunikation mit dem Partner über ein reiches Inventar von optischen und akustischen Signalen, zum Beispiel das Nahesitzen, das Paarfliegen, die individuellen Paarrufe und das Begrüssungsgeschrei. Nur rund ein Viertel der Pilatuskolonie ist verpaart. Der Rest bleibt ledig und muss warten, bis irgendwo im Kolonieraum ein Nestrevier frei wird. Die beiden Partner bleiben ein Leben lang zusammen. Das Weibchen ist am Futter zwar rangtief, ist aber als Besitzerin des Nestreviers für sein Männchen von enormer Bedeutung. Das durch die Verpaarung ranghoch gewordene Männchen kann im Konkurrenzkampf mehr Futter erobern und ist deshalb imstande, aus seinem Kehlsack das Weibchen jahraus jahrein zusätzlich zu füttern (Paarfüttern). Die individuell erkennbaren Paare blieben während der Beobachtungszeit jahrelang zusammen, beim Tod eines Männchens fand die "Witwe mit Nestrevier" jeweilen meist rasch wieder einen neuen Paarfütterer. Die Dauermonogamie passt sehr gut zu weiteren Tendenzen fürs Überleben in harten Biotopen: geringe Nachkommenzahl, hohe Lebenserwartung und relativ konstante Grösse der Kolonie.
Bei keiner andern Corvidenart vergleichbar zu beobachten ist die Gruppenbalz. Das auffällige Phänomen findet das ganze Jahr über statt. An diesem "Jahrmarkt der Eitelkeit" beteiligen sich beide Geschlechter junge und alte Vögel, Spitzentiere und rangtiefe, ledige und verpaarte. Immerhin sind ledige Männchen die häufigsten Teilnehmer. Bei der Gruppenbalz finden sich neue Paare, alte Partnerbeziehungen werden vertieft, junge Aufsteiger können sich in Szene setzen. Ausserdem wird der Zusammenhang innerhalb der Kolonie verstärkt.
Die Individuen einer Kolonie vereinigen sich bei Gelegenheit zu einem geschlossenen Schwarm. Dabei werden auch Traditionen (geeignete Futterplätze, gefährliche Situationen) an die Jungvögel weitergegeben. Auf Artfeinde reagiert die Kolonie mit Mobbing (weithin hörbares Schnarren, Kreis- und Sturzflüge). In drei Versuchen wurden überraschend präsentierte Stopfpräparate von Uhu, Steinmarder und Kolkrabe durch 30 - 50 Alpendohlen lautstark gemobbt. Wie andere Corviden können Alpendohlen sehr gut verschiedene Geräusche imitieren: Im Jahre 1970 benutzte ein Spitzenvogel erstmals einen neuartigen Drohlaut. Statt eines einfachen "diupp" liess er ein kompliziertes "diupperi-di-dipp" ertönen. Mit diesem Ruf erzielte er eine deutlich stärkere Wirkung als mit dem einfachen Drohlaut. Später benutzten zwei weitere Spitzenvögel den gleichen Ruf. Dieser Dominanzlaut existierte noch 1999, also rund 30 Jahre nach der "Erfindung" in der Pilatuskolonie mit der immer gleich hohen Wirkung. Nur Spitzenvögel dürfen ihn benutzen und damit ihre hohe Stellung dokumentieren. Der Dominanzlaut ist ein schönes Beispiel für eine langjährige Lauttradition bei Vögeln.
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