Naturforschende Gesellschaft Luzern
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Sempachersee

Sonderband der Naturforschenden Gesellschaft Luzern

Sempachersee im Spektrum von Wissenschaft und Kunst

Seit Ende Jahr ist der neue Sonderband Sempachersee der Naturforschenden Gesellschaft Luzern erhältlich. 51 Autoren beleuchten darin populär und praxisnah Landschaft und Leben im und am bekannten Mittellandgewässer. Über 450 Abbildungen, Reproduktionen von Kunstwerken, Karten, Grafiken und Tabellen beinhaltet das 528seitige Buch. Das mehrheitlich von Naturwissenschaftern aus dem Kanton Luzern geschriebene Werk vermittelt vielfältige ökologische, historische und kulturelle Zusammenhänge, hinterlässt nachhaltige Eindrücke und weckt Verständnis für die Seelandschaft.

Der Sempachersee: Lebenselixier oder Kloake? Bekannt für romantische Sonnenuntergänge, sanfte Hügellandschaften am Ufer, idyllische Stimmungen am und auf dem Wasser. Seit dem grossen Fischsterben vom 7. August 1984 aber auch Symbol für ein krankes, künstlich beatmetes Gewässer, das permanent überwacht wird.

Beide Aspekte werden im soeben erschienenen 33. Mitteilungsband der Naturforschenden Gesellschaft Luzern beleuchtet. Das sowohl umfangmässig wie inhaltlich gewichtige Buch darf als ein bedeutendes naturkundliches Nachschlagewerk über den Sempachersee und seine unmittelbare Umgebung bezeichnet werden.

Die Schönheiten von Landschaft, Tier- und Pflanzenwelt kommen vor allem in zahlreichen Farb- und Schwarzweissabbildungen zur Geltung. Die Probleme im Zusammenhang mit der künstlichen See-Belüftung und den Massnahmen zur Reduktion der Phosphatbelastung aus dem See-Einzugsgebiet bilden einen Schwerpunkt im Textteil.

Die im Buch aufgedeckten Probleme betreffen aber nicht nur den Gewässerschutz. Zur Sprache kommen auch Interessenkonflikte mit Tourismus, Verkehr, Landwirtschaft, Fischerei, Vogel-, Ufer- und Naturschutz. Gleichzeitig werden Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt und der aktuelle Stand der naturwissenschaftlichen Kenntnisse vermittelt.


Vorder- und Hintergründe

465 Illustrationen, Zeichnungen, Grafiken und Tabellen verdeutlichen die Text-Aussagen und beinhalten zum Teil noch mehr Brisanz als dies in den sachlichen Autorenberichten zum Ausdruck kommt. 23 ganz- bis doppelseitige, teilweise farbige Übersichtskarten geben Detailinformationen über eiszeitlich geprägte Landschaftsformen, Grundwasservorkommen, Wasser- und Ufervegetation, Vogel-Brutplätze, Phosphorkonzentrationen, Siedlungsabwässer, Luftbelastung, Ufergestaltung, Lebensraumbewertung, Konfliktgebiete sowie die künftige Nutzungsentwicklung.

Frühere und aktuelle Luftaufnahmen decken Veränderungen im Siedlungsgebiet auf, und Reproduktionen von alten Stichen und Faksimilien erzählen vom Leben am Sempachersee in geruhsameren Zeiten.

Gegliedert ist das als Jubiläumsband zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft 1991 in Angriff genommene Buch in fünf, durch einprägsame Signete klar unterscheidbare Hauptkapitel. Verschiedene Autoren beschreiben darin ausführlich Entstehung und Aufbau der Landschaft, die Tier- und Pflanzenwelt, die Nutzung früher und heute, den aktuellen Zustand und die Anforderungen an den Lebensraum für die Zukunft.


Rosinen und Primeurs

Die verschiedenen Themenbereiche sind in mehrere Unterkapitel aufgeteilt. Diese sind - ohne den Rest des Buches zu kennen - auch als Einzelartikel lesbar und mit zahlreichen ungewöhnlichen Rosinen und Erstabdrucken gespickt.

Drei farbige Blockmodelle zeigen beispielsweise, wie der Felsuntergrund - die Molasse - in der Sempacherseegegend vor 20, respektive 16 Millionen Jahren, entstanden ist. Eine bunte geomorphologische Karte deckt auf, welches Erbe die Gletscherzüge zurückgelassen haben. Vier Grafiken belegen, welche Temperatur-Kapriolen im Klima der letzten 130'000 Jahre aufgetreten sind. Faszinierend ist auch die beschriebene Lebensweise des Planktons, interessant die Entwicklung der Seegemeinden, eindrucksvoll das Verschwinden der Brutvögel am Beispiel der Gemeinde Oberkirch und ernüchternd der Grund für das Absterben der Felcheneier bei der natürlichen Fortpflanzung.

Höhepunkte für politisch Interessierte dürften die Artikel über die zu Beginn dieses Jahrhunderts geplanten, aber dank massiver Opposition aus der Bevölkerung nicht realisierten Stauseeprojekte am Sempachersee sein, sowie die Fallstudie über die Durchsetzung der Gewässerschutzmassnahmen nach dem Fischsterben von 1984.

Erstmalig für die Mitteilungsbände der Naturforschenden Gesellschaft Luzern ist der unmittelbare Einbezug von zeitgenössischen Künstlern in die naturkundlichen Berichte. Ihre Werke widerspiegeln die Auseinandersetzung mit dem See aus einem zusätzlichen Blickwinkel.

Das Buch richtet sich somit an eine breite Leserschaft. Es dürfte einerseits das Interesse all jener wecken, die sich in irgendeiner Form mit dem Sempachersee verbunden fühlen und mehr über ihn wissen möchten. Auf die Rechnung kommen andererseits auch Personen, die detaillierte Informationen über das Ökosystem eines stehenden Gewässers suchen.


Engagierte Verfasser

Die 51 Buchautoren sind mehrheitlich Geistes- oder Naturwissenschafter aus dem Kanton Luzern. Als Bewohner der Gegend, Mitarbeiter der Schweizerischen Vogelwarte Sempach, der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (EAWAG) in Kastanienbaum, des Natur-Museums Luzern, einer kantonalen Amts- und Dienststelle oder weiterer Institutionen waren sie in den letzten Jahren massgeblich an Forschungsarbeiten oder an deren Umsetzung am Sempachersee beteiligt. Dies mag mit ein Grund sein, weshalb aus vielen Buchkapiteln ein überdurchschnittliches Engagement für die Gesundung des Sempachersees und die Erhaltung seines Lebensraums für künftige Generationen herauszulesen ist.

Das Konzept zum Sempachersee-Buch erarbeitet, die 40 Einzelartikel redigiert und zu einem einheitlichen Ganzen zusammengefügt hat ein Redaktionsausschuss unter der Leitung von Engelbert Ruoss vom Natur-Museum und Christian Marti von der Vogelwarte. Letztere waren auch für das Sammeln des umfangreichen Bildmaterials und der Sponsorengelder verantwortlich.

Die grafische Gestaltung, insbesondere die plakativen Farbklötzchen, entstammen der Fantasie des Willisauer Grafikers Bruno Steffen. Für die Farblithos war die Firma Kreienbühl, Luzern, zuständig.
Die aufwändige Herstellung der Grafiken, Schwarzweiss-Lithos sowie des Vierfarbendrucks besorgte das Grafische Unternehmen Willisauer Bote, Willisau. In unzähligen Arbeitsstunden wurde der Sempachersee für einige seiner Mitarbeiter beinahe zu einem ihrer liebevoll betreuten Kinder. Sie werden deshalb Interessenten das Buch gerne zum Preis von 48 Franken zustellen und betrachten den See künftig mit andern Augen.


Zahlen zum Sempacherseebuch

Umfang: 528 Seiten, Gewicht 1,37 kg, Speicherbedarf Total 360 MB (Text + Grafiken 100 MB, s/w-Fotos 260 MB), entspricht 258 Disketten, wovon 1 für Text, 42 Artikel von 52 Autoren (ohne Vorwort und Legenden)
465 Illustrationen: 135 Fotos farbig, 109 s/w, 23 Karten, 156 Grafiken, Zeichnungen, 42 Tabellen.
Preis: Fr. 48.-- erhältlich beim Verlag Willisauer Bote, Postfach, CH-6130 Willisau

Ziele des Buches

Die Naturforschende Gesellschaft Luzern plante 1990/1991 zum Anlass der 700-Jahr-Feier zum Thema Luzern - Lebensraum der Zukunft einen Sonderband zu gestalten, mit folgenden Zielen:
Der Sonderband sollte:

  • populär, verständlich geschrieben und reich illustriert sein
  • ein modernes, positives Buch sein, das Perspektiven aufzeigt
  • günstig zu erwerben sein, damit das zentrale Anliegen möglichst weit gestreut wird
  • keine wissenschaftlichen Originalarbeiten umfassen, sondern Grundlagen für die Praxis und für die Gestaltung des Lebensraums der Zukunft beinhalten
  • weder den Zustand beschönigen, noch sollen Schuldige gebrandmarkt werden Vernetzte Probleme sollen umfassend dargestellt werden
  • Lust und Freude für die Naturwissenschaften vermitteln
  • die NGL soll sich öffnen und eine Brücke schlagen zu den Geisteswissenschaften, zur Welt der Künste und zur Privatwirtschaft

Unsere Bilanz: Fast alle Ziele wurden erreicht. Die Privatwirtschaft konnte (leider) weder zu einem redaktionellen, noch finanziellen (Sponsoring) Engagement motiviert werden (Ausnahme Paraplegikerzentrum).


Einteilung des Buches

Einleitung: Geographische Übersicht/Wandel des Lebensraumes

Entstehung und Aufbau der Landschaft: Grundlagen des Naturraums: Entstehung, Formung durch Gletscher und Flüsse, der Kreislauf des Wassers sowie die Entwicklung der Vegetation bis zum heutigen Pflanzenkleid.
Besonderheiten:

  • Blockdiagramm S. 31: Molasse, ein für viele Leute abstrakter Begriff bildlich umgesetzt; eine Abbildung, die auch in der Fachwelt ein Echo hervorrufen wird
  • Geomorphologische Karte S. 38/39: Sensationelle Umsetzung eines Projekts, das unter der Federführung der NGL im Zusammenhang mit dem Lebensrauminventar entstand. Wird für die Darstellung in der Geomorphologie sowie in Landschaftsplänen wegweisend sein
  • Grundwasserkarte S. 46/47: Überarbeitet, auf neustem Stand mit Angaben zur Energienutzung im See-Einzugsgebiet
  • Klimadiagramm S. 67: Abweichungen der Temperaturen vom langjährigen Mittel, eindrucksvoll und voller Diskussionsstoff

Tier- und Pflanzenwelt: Flora und Fauna: Zusammenhänge wie Lebenszyklus der Balchen, Biologie des Planktons, Wasservogelzählungen (v.a. Kormoran) am Sempachersee sind faszinierend und spannungsgeladen. Karte der Seevegetation ist sehr aufschlussreich und dürfte von langfristigem Interesse sein.

Nutzung früher und heute: Wirtschaftsgeschichte des Seekolapses, eine bewegte Geschichte mit mutiger Opposition der Seegemeinden (Stauseeprojekten, Düngeverbot).
Besonderheiten:

  • Archäologische Arbeiten mit akribischen Zeichnungen von Judith Bucher
  • Ältestes Bild des Sees im Zentrum S. 205: stammt aus dem Jahre 1546 aus der Fuggerchronik, bisher weitgehend unbekanntes Bild, vermutlich erstmals farbig reproduziert.
  • Panorama S. 210/211: vermutlich erstmals veröffentlicht.
  • Luftbilder S. 215 - 229: neue Aufnahmen (Juli 93) der Seegemeinden!
  • Originalpläne der Stauseeprojekte S. 272 - 277, sowie Gutachten mit Vegetationskarte der Opposition (Bachmann) S. 278/279 sind von historischer Bedeutung.
  • Erlebnisraum: Erstabdruck von Toni Schallers Gedicht, Sempacherseelied, sowie Bildern von Künstlern im Seegebiet. "Nicht naturwissenschaftliche" Zeugnisse des Seezustandes.

Aktueller Zustand: Lebenselixier oder Kloake? Wieviel braucht es eigentlich bis sich die Bevölkerung für die Lebensgrundlage einer Region einsetzt? Das Lebensrauminventar (S. 420/421) widerspiegelt beispielhaft den heutigen Zustand des See-Einzugsgebiets.

Lebensraum für die Zukunft: es gibt keine Patentrezepte, eine Opposition in der ganzen Region ist gefragt, Winkelrieds/St. Georgs sind gefragt! der Feind ist aber diesmal "unfassbarer" als die Habsburger oder der Drachen. Der Naturraum ist unser Wirtschafts- und Lebensraum und somit die Grundlage, aber auch Bestandteil unseres Kulturraums.

Elsbeth Ruoss-Schär

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